Wenn Wirtschaft dem Gemeinwohl dient …

In jedem als angenehm empfundenen Austausch ist wohl das Wichtigste, dass wir uns klar sind über die Bedeutungen der wesentlichen Worte und damit Inhalte. Dies ist ganz unabhängig davon, ob wir dieselbe Sprache sprechen. Unser aktuelles soziales Umfeld, unsere frühkindlichen Prägungen, der Verlauf unseres Lebens färben Worte und die Gefühle, die wir allein bei der Nennung empfinden, in einer einzigartigen Weise.

So lautet mein Wunsch an Dich: Definiere „Wirtschaft“.

Der Blick in den Duden verrät: Es geht um die Gesamtheit der Einrichtungen und Maßnahmen, die sich auf Produktion und Konsum von Gütern, die zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienen(Wirtschaftsgüter), beziehen. In diesem Text geht es um die Wirtschaft dieses Landes, besser noch dieser Erde.

Bitte definiere „Gemeinwohl“.

Auch hier ziehe ich den Duden heran: „Gemeinwohl bezeichnet das Wohl[ergehen] aller Mitglieder einer Gemeinschaft.“ Als Beispiel ist hier angegeben: „dem Gemeinwohl dienen“.

Was bedeutet es nun aber zu „dienen“? Wer oder was dient hier wohl wem?

Für die meisten Menschen hat es wohl einen unangenehmen Klang, weil sie etwas wie Unterwerfung oder Abhängigkeit damit verbinden. Es kann jedoch auch positiv belegt sein: Im fernöstlichen Kulturkreis gilt es als höchster Weg zu dienen, um dadurch der Erleuchtung bzw. Erlösung aus dem Wiedergeburtskreislauf näher zu kommen. Meine Oma, eine evangelische Schwester, pflegte zu sagen: „Ich diene nicht um Lohn und Dank, sondern aus Dank und Liebe. Mein Lohn ist, dass ich darf.“ Der Sinn dieser Worte erschloss sich mir erst jenseits des 30. Lebensjahres. Ich begriff, ja erlebte, dass die Möglichkeit zu handeln und wirksam zu sein, den Lohn schon in sich trägt.

Nehmen wir nun also an, die Wirtschaft dient gemäß obiger Definition dem Gemeinwohl, also dem Wohlergehen aller Mitglieder einer Gemeinschaft. Weiter: Die Gesamtheit der Einrichtungen und Maßnahmen, die sich auf Produktion und Konsum von Wirtschaftsgütern beziehen, dient dem Wohlergehen aller Mitglieder einer Gemeinschaft.

Ich möchte Gemeinschaft als Weltengemeinschaft, d.h. die Gemeinschaft aller Wesen, die diese Erde bewohnen definieren. Alles andere erscheint mit zu klein und meiner Meinung nach ursächlich für die Verwerfungen, die wir gerade erfahren. So bedeutet dies, die Gesamtheit der Einrichtungen und Maßnahmen, die sich auf Produktion und Konsum von Wirtschaftsgütern beziehen, dient dem Wohlergehen aller Wesen, die diese Erde bewohnen.

Wenn Du meinst, dass dieser Zustand schon erreicht ist, brauchst Du meinen Worten nicht mehr zu folgen.

Wenn Du anderer Ansicht bist, stellen sich Dir vielleicht folgende Fragen: Wie kommen wir dahin? Gibt es Modelle, Ideen oder Erfahrungen dazu?

Ja, die gibt es.

Ein aktuelles und inzwischen recht bekanntes Modell ist die GWÖ – Gemeinwohlökonomie – die inzwischen in einer Bewegung mit respektabler Größe angekommen ist.

Zunächst mal wird hier benannt, dass es uns in unserem privaten Umfeld und unseren Beziehungen dieses Bereiches dann wohl ergeht, wenn wir Werte leben wie „Vertrauensbildung, Ehrlichkeit, Wertschätzung, Respekt, Zuhören, Empathie, Kooperation, gegenseitige Hilfe und Teilen“. Es wird der Widerspruch zur derzeitig gelebten Wirtschaftsordnung aufgezeigt, in der zum Teil die Anreize so gesetzt werden, dass sie „Egoismus, Gier, Geiz, Neid, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit“ befördern.

Dieser Widerspruch wird als „kulturelle Katastrophe“ benannt. Wieso?

Dieser Widerspruch zerreißt inzwischen viele Menschen. Die einen, weil sie bereits als Kinder zum Funktionieren gebracht wurden indem sie in ein Bildungssystem gezwängt wurden, dass geschaffen wurde, um der industriellen Revolution zu dienen indem es folgsame angepasste Arbeitskräfte produzierte. Es schafft bis heute ein Klima der Konkurrenz und des Egoismus. Dies ist schon im Notenvergabesystem angelegt, das Vergleiche und Verurteilungen fördert. Nun sind diese Menschen erwachsen, haben festgestellt, meist durch körperliches oder seelisches Leid, dass es jenseits des Funktionierens ein Leben mit bereichernden nährenden Beziehungen geben könnte. Sie möchten einen Wandel gestalten und suchen nach Lösungen.

Die anderen sind betroffen, weil sie einer fast noch intakten Stammesgesellschaft entspringen, wo Vertrauen und Kooperation die Grundlage des Überlebens sind. Diese wird jedoch durch die anbrandenden Verlockungen des westlichen materiellen Überflusses und die Ausbeutung der Ressourcen durch weltweit operierende Konzerne zerstört, ohne Perspektive für die Menschen auf Sicherung ihres Gemeinwohles. Als Beispiel könnten hier die Landkäufe von chinesischen Investoren in Afrika unter die Lupe genommen werden.

Die Tragik ist: In der überwiegenden Mehrheit der Staatsgebilde weltweit werden noch durch die Gesetzgebung diejenigen bevorzugt, die zum eigenen Vorteil handeln und ihre Mitbewerber und Mitmenschen als Konkurrenten betrachten und dementsprechend handeln.

Sie meinen, das stünde nirgends?

Dann gebe ich gern ein aktuelles Beispiel: Ein Münchner Vermieter, der sein Haus zu sozial verträglichen Mieten nutzen lässt, gilt dem Finanzamt plötzlich als „Liebhaber“ im steuerlichen Sinne. Er wird bestraft indem Investitionen und andere Ausgaben für seine Wohnimmobilien steuerlich nicht mehr anerkannt werden. Mit der Folge, dass seine Steuerlast steigt. Details finden sich online in verschiedenen Berichten.

In zahlreichen anderen gesetzlichen Regelungen weltweit steht die Verpflichtung zur Gewinnerzielung, wenn ein Mensch als unternehmerisch tätig gelten will. Dies steht im Gegensatz zur Gemeinnützigkeit, die von gemeinnützigen Vereinen, Stiftungen und Unternehmen als Zweck ihrer Tätigkeit angegeben wird. Diese jedoch sind auch wieder in einer Weise reguliert, dass kaum sinnvolle Ausweitung des gemeinnützigen Tuns möglich ist. Sie dürfen „normalen“, also gewinnorientierten Unternehmen, keine direkte Konkurrenz sein.

Der kurz gefasste  Ansatz der Gemeinwohlökonomie lautet daher:

Verändere den Anreizrahmen – weg von Konkurrenz  und Gewinnstreben hin zu Kooperation und Beitrag zum Gemeinwohl. Dies dient dem Bewusstseinswandel bis unternehmerischer Erfolg weltweit am Beitrag zum Gemeinwohl gemessen wird.

Mittel zum Zweck ist die Gemeinwohlbilanz. Sie wurde entwickelt, um den Beitrag eines Unternehmens zum Gemeinwohl zu messen und sichtbar zu machen. Diese steht zunächst neben der wirtschaftlichen Bilanz, die aussagt, wie sehr das Unternehmen sich selbst nützt, und soll später nachgeordnet sein. Die Gemeinwohlbilanz bildet neben dem ökologischen Fußabdruck auch Werte wie den Umgang mit Mitarbeitern, Pflege von freundschaftlichen Beziehungen mit Mitbewerbern/ Kunden und regionale Orientierung ab. Schließlich ist Konsens, dass die Wirtschaft dem Wohle aller dienen soll. Der Gewinn sollte nur noch Mittel für klare und transparent gemachte Zwecke bereitstellen.

Anhand des Punktwertes, der sich aus der Gemeinwohlbilanz ergibt, kann für Produktkäufer sichtbar gemacht werden, wie hoch der Beitrag zum Gemeinwohl ist, wenn er dieses Produkt erwirbt. Hierfür ist ein Ampelsystem vorgesehen.

Durch die Festsetzung des Mehrwertsteuersatzes entsprechend dem Gemeinwohlnutzen eines Produktes kann der Gesetzgeber einen Anreizerahmen schaffen. So könnte ein Bio-Apfel aus Mecklenburg plötzlich den gleichen oder einen geringeren Preis haben als ein Apfel aus Argentinien.

Gehen die bisher genannten Ansätze weit genug? Ich sage: „Nein“

Mein größtes Aha-Erlebnis dazu hatte ich beim Lesen des Buches „Ismaels Geheimnis“ von Daniel Quinn. Essentielle Fragen, die mich umtrieben, fanden plötzlich Antworten.

Neugierig geworden? Fortsetzung folgt.

Nachfolgend findest Du eine Liste mit Quellen und Passendem.

Quellen

Gemeinwohl-Ökonomie, Christians Felber, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien, 2012

Die Templer, Lex Bos, Verlag Urachhaus Stuttgart, 1982

Duden

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